Nicht nur die drei großen monotheistischen Weltreligionen, fast auch alle anderen Religionen und spirituellen Traditionen kennen das Motiv des Weges und sie alle repräsentieren verschiedene Möglichkeiten der Annäherung an das Mysterium Dei, an das All-Umfassende, das immerwährende Geheimnis des Lebens und des Glaubens. Das Judentum, das wandernde Gottesvolk, macht sich auf den Weg der Zukunft Gottes entgegen bis in das Gelobte Land. Die ersten Christen nannten sich „die vom Weg“, verstanden sich als Transitreisende und Weg-Bereiter für das Reich Gottes. Im Islam benennt die Hadj, die Pilgerreise nach Mekka, den Lebensweg hin zu Gott als zentrale Lebensaufgabe - eine Aufgabe, die im Sufismus in die verschiedenen Tarikats (Pfade) zu Gott mündet. Der Taoismus ehrt das Tao, das zugleich die Bahn, der rechte Weg und die Essenz des Seins ist. Der Buddhismus kennt den Hohen Achtfachen Weg, der zur Beseitigung der Ursachen des Leidens führt, und der Tantrismus versteht sich als Weg zur Einswerdung mit dem Absoluten und Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit. Der Hinduismus weiß um den langen Weg der Seele durch die Inkarnationen. Und noch die Aborigines erzählen und erschaffen sich ihre Welt entlang der Songlines, der Wander-Wege ihres Volkes.In welchen Horizont mündet unser eigener Lebens-Weg? Glaubensfragen sind zugleich Lebensfragen und jeder Mensch muss eine eigene integre Sprache finden für das, was er glaubt, wünscht und ersehnt; auch für das, was er ablehnt und bekämpft. „Das, was uns unbedingt angeht“ so der Theologe Paul Tillich, wurde und wird von den Religionen formuliert und tradiert. Ohne eine solche Sprache – besonders auch für das als lebensessenziell Erkannte - bleiben wir selbst ohne Konturen, finden unseren Lebens-Weg nicht, sind uns und anderen nicht erkennbar. Ohne eine solche Sprache wissen wir nicht, was wir wollen und/oder sollen. Erst wenn diese Sprache mit dem eigenen Leben gefüllt und belegt ist, leuchtet sie auf.
Gelebte und angewandte Spiritualität dient der Erweiterung des Bewusstseins, vertieft das Verständnis für die Vorgänge des Lebens und ist geeignet, die menschliche Transformation zu fördern. Das Forum dafür sollten eigentlich die Religionen und Kirchen bieten. In dem Maße aber, wie sie von vielen Menschen nicht länger als authentische und glaubwürdige Wegbegleiter erachtet werden können, wird es notwendig, andere Gesprächspartner zu finden und andere Formen der spirituellen Gestaltwerdung und Sprachgebung zu erproben.
Der spirituelle Weg zielt auf direkte Erfahrungen, auf eine unmittelbare Beziehung zu der Essenz allen Seins. Der religiöse Weg hat aus solchen Erfahrungen heraus Regeln, Lehren und Glaubensinhalte destilliert, hat Wahrheits-Sammlungen geschaffen, die die spirituelle Suchbewegung leiten und kanalisieren wollen. Wer aber den spirituellen Weg beschreitet, ist immer auch ein Mystiker und wird es als irreführend erachten, das All-Eine in Konzepte und Ordnungen gießen zu wollen; dennoch: im Kern geht es beiden Wegen immer um das Streben nach menschlicher Vollkommenheit und Erlösung.
Im Geist dieser Überzeugungen, mit Toleranz und Respekt vor der Eigenständigkeit des jeweils anderen und dessen Wahrheit und dem entsprechenden mystischen Weg, ist die Werkstatt Spiritualität mit einer Lehr- und Lerngemeinschaft von Menschen mit unterschiedlichen persönlichen Bekenntnissen entstanden.






