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Helmut, 68

02.05.2021  |  Humans by Calumed

Als Jugendlicher hegte ich den Plan, bei der WM 1974 in Deutschland mit der Nationalmannschaft aufzulaufen. Ich war ein ganz passabler Fußballer, doch leider: Ich wurde nicht entdeckt. Darüber hinaus hatte ich wenige Perspektiven. In meiner Familie galt ich, bei aller Liebe, als minderbemittelt und so fühlte ich mich auch.
Die Schule war die Instanz, dass dieses Gefühl nur verstärkte. So brach' ich die Schule ab. Mit 24 fand ich plötzlich Kontakt zu einem Kreis von Menschen, die mich ermutigten und an mich glaubten, die Züricher Schule, ein Kreis, der mich forderte und förderte. Das half mir auf. Ich begann, mich nicht länger an Drogen zu berauschen, sondern an Menschen. Mein altes Selbstbild wurde durch viel therapeutische Begleitung in ein Neues verwandelt. Zu lernen, zu erfahren und zu wissen, dass ich intelligent bin, ein helles Köpfchen, das hat alles verwandelt.
Mit 28 machte ich mein Abi nach und begann, auf Lehramt zu studieren. Ich wollte es als Lehrer anders machen, Menschen auch fördern und fordern, ermutigen, in dem Geist, den mir die Züricher Schule vermittelt hatte. Und niemand sollte in der Schule das erleiden müssen, was ich durchleben musste. Ich hatte zunächst einen Zeitvertrag in einem Gymnasium. Dann wurde ich auf eine Berufsschule aufmerksam, die Lehrer für Erwachsene suchte. Es ging um Umschulungen für die, die ihren angestammten Beruf nicht mehr ausüben können und einen neuen suchen. Dorthin bin ich gewechselt und das erwies sich als Volltreffer. Das ‚Fördern und Fordern' ist mir zur Lebensaufgabe geworden und ich darf glücklich sagen, dass ich erfolgreich darin war und bin. Zwar bin ich inzwischen in Rente, aber meine Schule fordert mich immer noch an und ich tu's ja von Herzen gerne.

Ein Mensch ist für mich einer, der versucht, andere zu verstehen, der sich einfühlt, sich in den anderen hineinversetzt und sich dabei auch solidarisiert. Ein Mensch ist einer, der dabei nicht urteilt, sondern nicht aufhört, nach dem anderen zu fragen und das Einzigartige in ihm zu entdecken.

Mensch werden. Mensch bleiben.